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Zen, Sex und Sake

von Prakash Frank Sanzenacher

 

Er nannte sich selbst gerne »verrückte Wolke« oder »blinder Esel« – der japanische Dichter Ikkyu er war ein Weiser, der den Narren spielte und wohl auch närrisch war, übertreibend und – getrieben. Seine Zeitgenossen entrüsteten sich über Ikkyus so diesseitiges Frönen der sinnlichen Lebensgenüsse und das Provozieren der religiösen Heuchler – andere verehrten ihn, damals wie heute.

 

zehn Tage im Kloster und schon bin ich ganz fickrig

dem roten Band an meinen Füßen ist nicht zu entgehen

solltest du mich eines Tages suchen

frag nach mir auf dem Fischmarkt, in der Trinkstube oder im Puff

 

Was denn, das sollen die Bekenntnisse eines buddhistischen Mönches sein? Wie kann ein Zen-Gelehrter im Japan des 15. Jahrhunderts eine derartige Programmatik öffentlich postulieren? Und wieso pilgern trotzdem viele Schüler zu ihm, damit er sie unterrichte? Auf welche Weise soll dieser Mann die Lehre Buddhas vermitteln können?

Das Leben des Ikkyu Sojun (1394-1481) ist geprägt von Provokationen, Gegensätzlichkeiten und Exzentrik. Nachdem er sich schon in jungen Jahren als kritisch, wortgewandt und eigensinnig erwiesen hat, wird er nicht müde, gegen das Zen-Establishment anzureden. Zu viel Scheinheiligkeit, Profitgier, Korruption und Vetternwirtschaft sieht er in der Ausrichtung der Klöster. Später selbst Vorsteher des renommierten Daitokuji-Tempels in der damaligen Kaiserstadt Kyoto, erfährt Ikkyu all die Machtkämpfe, Intrigen und Egomanien am eigenen Leibe. Angewidert oder auch nur unfähig, daran teilzunehmen, zieht sich Ikkyu lange Zeit zurück in die Abgeschiedenheit, reist viel herum und widmet sich der Poesie. In vielen seiner Gedichte kommt sein Missmut über die Verhältnisse zum Ausdruck – er kommentiert zynisch, klagt polemisch an und möchte durch seine schonungslose Offenheit bewusst schockieren. Vor allem die stumpfe Gleichförmigkeit der Gelehrten, ihr lebloser Glaubenskodex und ihre Doppelmoral werden immer wieder Ziel seines Spotts. Ikkyu fordert Authentizität, Vitalität und ehrliches Reflektieren. Für ihn steht das eigene subjektiv Wahrgenommene, sinnlich Erfahrene über den Lehrschriften und Riten.

 

Der lebende und der tote Buddha

Folgende Geschichte wird von ihm überliefert: Auf einer seiner Wanderungen erbat Ikkyu Quartier in einem Tempel. Des Nachts wurde es kalt, es fröstelte ihn und er entzündete einen Holzbuddha, um sich daran zu erwärmen. Als der gastgebende Mönch dies am Morgen sah, war er außer sich: »Ich gab dir Herberge, weil ich dachte du seiest ein weiser Heiliger, und nun verbrennst du einen Buddha! Wie kann ein Gelehrter des Zen nur eine solche Lästerlichkeit begehen?!« Als Antwort stocherte Ikkyu in der Asche herum, als ob er etwas suche. »Was machst du denn da?« – »Ich suche nach Knochen.« – »Du suchst nach Knochen? Warum in aller Welt solltest du hierin Knochen finden?« – »Du siehst«, entgegnete Ikkyu, »dieser Holzbuddha besaß keine Knochen. Der Buddha in mir besitzt Knochen, und die wollten heute Nacht gewärmt werden. So opferte ich dem lebendigen Buddha den hölzernen.« Tags darauf saß Ikkyu vor einem Grenzstein und betete ihn an. Der Tempelmönch rotierte: »Erst verbrennst du einen Buddha, und nun huldigst du diesem Klotz. Bist du noch bei Trost?« Ikkyu antwortete: »Letzte Nacht war mir nach Wärme, jetzt ist mir nach Beten. Und die Buddhafigur ist ja nicht mehr da...«

Ein ander Mal wird berichtet von einem jungen Mönch, der Ikkyu bat, ihn als seinen Schüler aufzunehmen. »Warum sollte ich das?«, fragte da der Meister. Daraufhin nahm der Bittsteller in perfekter Manier die Buddha-Position (Siddhasana) ein  und verharrte darin, um mit seiner Fertigkeit zu imponieren. Ikkyu wurde darüber sehr zornig und jagte ihn zum Teufel: »Wir brauchen nicht noch mehr Buddhas aus Stein, wir brauchen Buddhas aus Fleisch und Blut!«

 

all die vogelscheiße auf dem steinbuddha

recht so

ich schwenke meine arme wie blumen im wind

 

Fleisch, Sex und Sake

Im eingangs zitierten Gedicht bricht Ikkyu gleich mit mehreren Tabus. Als Mönch ist er angehalten, kein Fleisch oder Fisch zu essen (»Tut mit leid, Buddha, eine weitere Vorgabe, der ich nicht folgen kann«), keinen Alkohol zu trinken (»Oh Sake, eine Schale voll betörender Gemütlichkeit«) und der fleischlichen Lust zu entsagen (»Das Leben schmecken und Sex genießen bis zum Abwinken«). Das hierbei gebrauchte Bild des »roten Bandes« zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte dichterische Werk. Es steht für die stetige Verwobenheit mit den Leidenschaften dieser irdischen Welt. Ikkyu glaubt nicht daran, dass diese überwindbar sind, solange ein Mensch in einem Körper auf dieser Erde lebt. Natürlicherweise ist zu Lebzeiten die Körperlichkeit nicht abzulegen.

 

essen, scheißen, schlafen, aufstehen

das ist die welt

und des weiteren

– sterben

 

Ikkyu verurteilt die Heuchelei und Anmaßung eines jeden, der vorgibt, davon frei zu sein und jegliche Körpersinnlichkeit transzendiert zu haben. Die weltabgewandten Praktiken seiner Zen-Kollegen sind für ihn nichts weiter als blindes Verfolgen vorgegebener Pfade, affektierte Selbstdarstellungen oder gar Lebenslügen und Dummheit. Um diesen Sachverhalt zu veranschaulichen, pflegte Ikkyu seinen Schülern gerne folgende Zen-Geschichte zu erzählen:

Einst errichtete eine alte Frau auf ihrem Grundstück eine Hütte, um einen heiligen Eremiten darin wohnen zu lassen. Nach zwanzig Jahren dieser Gönnerschaft beschloss sie, die Weisheit dieses Mannes einmal zu testen. Als sie wie üblich ihre Magd mit dem täglichen Proviant für den Einsiedler losschickte, hieß sie ihr, ihn diemal aufs Innigste zu umarmen und daraufhin seine Empfindungen zu erfragen. So lief das Mädchen zu dem Manne, setzte sich auf seinen Schoß und schlang seine Arme um ihn. »Was fühlst du jetzt?« fragte sie. Seine Antwort war: »Ein kahler Baum am kalten Fels, im Winter kennt er keine Wärme.« Die Magd lief zurück zu ihrer Herrin und berichtete ihr alles. Da erzürnte sich die Frau sehr und rief: »Zwanzig Jahre habe ich einen Blender hofiert! Gänzlich unempfindlich kann sich nur ein Heuchler geben oder ein Leichnam. Beides möchte ich nicht verehren!« Sie schickte den Eremiten in die Wüste und brannte die Hütte nieder.

Ikkyu merkt dazu an, er würde an des Eremiten Stelle »Knospen treiben wie im Lenz.«

 

verleumde die realität

palaver über »gott« und »buddha«

und du wirst ihn nie finden

den wahren weg

 

Annehmen und Integrieren

Den »wahren Weg« sieht Ikkyu eben nicht in der Unterdrückung und Ausgrenzung der eigenen irdischen Natur, sondern im Annehmen und Integrieren körpersinnlicher Bedürfnisse. Der Körper ist das eigentlich Existenzielle am Menschen, wahrhafter als der wankelmütige Geist oder das aufgeblasene Selbst. Der Körper ist unabdingbar, unverfälscht, uneitel und im besten Sinne amoralisch. Als Verfechter dieser »Buddhaschaft der Körpers« (sokushin jobutsu) geschieht Erleuchtung für Ikkyu nicht nur im Geistig-Jenseitigen. Nirwana oder Samsara, gut oder schlecht, Tempel oder Bordell – immer und überall ist es möglich, Bewusstheit zu erlangen.

Die Sexualität ist es, die Ikkyu hierbei besonders in sein Betätigungsfeld rückt. So besucht er die Freudenhäuser in seiner schwarzen Mönchsrobe, als zelebriere er einen Ritus (»Zen ist Gesang und Tanz im Hurenhaus«), bekennt sich zu seinen homo-erotischen Neigungen (»So liebreizend dieser Knabe als wie aberhundert Frühlingsknospen«) und stellt den Geschlechtsakt über frömmelndes Streben (»Erleuchtung ist eine Frau, die bei dir ist«).

 

abgekämpft vom freudentaumel halte ich mein weib

der schmale pfad der askese ist nicht der meine

mich drängt es entgegengesetzt

über zen zu plaudern ist allzu schlicht – ich halte meinen mund

und belasse es den ganzen tag beim liebesspiel

 

das geschlecht der frau:

es ist der urmund und bleibt doch wortlos

umgeben von einem herrlich haarigen wall

der empfindsame mag völlig vergehen darin

und es ist doch die geburtsstätte aller zehntausend buddhas

 

Zur Ruhe kommen

Eine geradezu transzendentale Reife und tantrische Erkenntnisfähigkeit offenbart sich Ikkyu allerdings erst, als das der Sexualität Frönen an sich schließlich dem wahren Herzensaspekt, der aufrichtigen Liebe weicht. Im Alter von 77 Jahren beginnt er eine leidenschaftliche Beziehung zu der blinden Nonne Shin (oder Mori, wie sie in anderen Quellen genannt wird). Shin ist gute vier Jahrzehnte jünger und hat schon vor langer Zeit Interesse an Ikkyu bekundet. Auch ist sie musisch begabt, singt, komponiert und wird jetzt seine Muse, Geliebte und Vertraute. Bei ihr scheint der gehetzte Geist Ikkyus endlich zur Ruhe zu kommen. Seine Gedichte, die bisher nicht frei waren von postpubertären Possen, sozio-ethischen Gedankengebäuden oder verbittertem Weltschmerz, verdichten sich nun zu purer Poesie, zur reinen Anbetung dessen was ist.

 

shin singt

frei jeder eitelkeit

im pavillon

– es ist abend

und es regnet

zärtlichkeiten

 

shin, du bist

alle bäume des frühlings

 

die besucher sind fortgegangen

die lieder versiegt

– nichts, stille

 

Sturm und Stille

Es ist wohl diese Stille, die Ikkyu Zeit seines Lebens gesucht hat, der er in all seiner Fieberhaftigkeit nachgejagt ist – und die er nur finden kann im Auge des Zyklons der Leidenschaften. Reizt ihn etwa die Ruhe vor dem Sturm mehr als das eigentliche Stürmen?

 

aus der welt der leidenschaften

in die welt der leidenschaften

dazwischen gibt es eine pause

– und wenn es regnet, regnet es

und wenn der wind bläst, bläst der wind

 

Tatsächlich ist »eine Pause machen« (japanisch: hitoyasumi) eine zusätzliche Möglichkeit, das Schriftzeichen für den Namen »Ikkyu« zu lesen. Ob er aber jemals zu einer wirklichen Rast kam und sein hitziges Gemüt Kühlung erfuhr, sei dahingestellt. Seinen Schülern riet er stets, gemäßigter zu leben als er, das Schlechte zu meiden und das Gute zu suchen. Selbst die letztendliche Ernennung zum Vorstand des Daitokuji-Tempels 1474 dürfte für ihn nicht frei von inneren Konflikten gewesen sein; immerhin war er jetzt Teil dessen geworden, wogegen er immer sein Gift verspritzt hatte. Und auch in hohem Alter muss er noch den Tod seiner jungen Geliebten Shin hinnehmen. Er selbst stirbt 88-jährig an einem – was sonst? – akuten Fieber.

 

gelebt in liebe, lust und laster

so wehmütig jetzt

das gewirr des roten bandes

fesselt meine füße

 

Ikkyu, der sich selber gern »verrückte Wolke« oder »blinder Esel« nannte, liebte es kontrovers. Zenmeister, Poet, Maler, Kalligraph, Wegbereiter der Tee-Zeremonie, Verkünder der Lehre Buddhas einerseits, andererseits Revoluzzer, Nonkonformist, Lüstling, bissiger Kritiker der bestehenden Systeme – widersprüchlich und facettenreich hatte er sein Leben und Wirken gestaltet. Das macht ihn schwer definierbar, und er entzieht sich dadurch auch leicht etwaiger Kritik. Weiser Mann oder Mogelpackung? Die Antworten hierauf mögen wohl vielfältig ausfallen. Aber genau das zeichnet Ikkyu aus als wahren Meister des Zen: Das Leben ist paradox, das Weltganze nicht logisch-objektiv fassbar und in seiner Gesamtheit nicht zu begreifen. Es kann nur so angenommen werden, wie es ist. So auch jeder einzelne Mensch. So auch Ikkyu Sojun.

 

einziges koan von bedeutung

– du

 

* * *

 


Vive la différence!

 

Alle wollen die Einheit – wir wollen den Unterschied

 

 

Es lebe der Unterschied! Eigentlich gibt es ihn nicht, aber so zu tun als gäbe es ihn ist die Voraussetzung für das Guru-Spiel ebenso wie für das Spiel der Geschlechter. Ein Sucher und Pfadfinder berichtet von dreißig Jahren unterwegs Sein mit hunderten von Begegnungen mit Erleuchteten – und zieht Bilanz

 

Auch nach der französischen Revolution von 1789 bestand die dortige Nationalversammlung noch immer nur als Männern. Die 1789 deklarierten Menschenrechte (Droits de l’homme, das kann man auch als »Männerrechte« übersetzen) galten nur für Männer. Erst 1945 wurden in Frankreich den Frauen die vollen Bürgerrechte zugestanden.

In einer jener Versammlungen des französischen Parlamentes nicht lange nach der Revolution soll einer der Delegierten aufgestanden sein und die Frage nach der Gleichberechtigung der Frauen aufgeworfen haben. Sie sind doch genau so wie wir (Männer), rief er; warum sollten sie nicht die gleichen Rechte haben wie wir und ebensolche Macht und Ämter? Darauf sei ein anderer aufgestanden und habe argumentiert, dass Männer und Frauen eben doch nicht gleich seien. »Vive la différence!« rief er, es lebe der Unterschied, unter dem Jubel des ganzen Saals.

Auch in den Religionen und spirituellen Bewegungen der Welt gibt es aufmüpfige Gestalten, die sagen: Wir sind doch alle gleich! Die Eingeweihten und die Ignoranten, die Heiligen und die Unheiligen, die Erleuchteten und die geistig Umnachteten. Wir alle haben »Buddhanatur«, so nennt es der Dalai Lama, in uns allen ist Weisheit, Klarheit, Erleuchtung; es kommt nur darauf an, das zu entdecken.

 

Nieder mit den Hervorhebungen!

Viele Jahre lang habe ich das geglaubt: Wir sind alle gleich! Nieder mit den Priestern und Politikern, mit allen Führern, die da glauben etwas Besseres zu sein und über Menschen herrschen zu dürfen! Wohnt Gott etwa im »Gotteshaus«, in der Kirche, Synagoge, Moschee, einem Tempel oder auf einem heiligen Berg? Ist der Sonntag heiliger als der Montag? Wie könnte die geweihte Hostie der »Leib Christi« sein in einer Weise, wie mein knuspriges Vollkornbrot es nicht ist, das ich mir da gerade mit einer würzigen Tomatenpaste (ach, sein Blut ...) bestreiche? Wir glauben doch nicht mehr an den Weihnachtsmann und den Osterhasen. Wir sind doch keine primitiven Menschen mehr, und auch der Glaube der Kinder ist uns längst abhanden gekommen. Der Dalai Lama, eine wiedergeborene Seele? Eine Madonnenstatue, die weint? Nein, an so was glaube ich nicht mehr.

Dennoch feiern wir Feste: Weihnachten, Ostern... Und sogar unser eigener weltlicher Geburtstag ist doch, ebenso wie die anderen Festtage, eine Fiktion, die uns der gregorianische Kalender suggeriert. Gibt es irgend etwas, das diese Hervorhebungen rechtfertigt?

 

Ignoranz, der Urquell des Leidens

Politisch war ich schon immer überzeugt, dass »wir alle gleich« sind. Das passte zur Mystik, die ich dann später als Erforscher der religiösen Dimension kennenlernte: Alles ist eins! Kein Tropfen im Ozean ist geringer als ein anderer Tropfen, kein Staubkorn in der Wüste ist geringer als ein anderes Staubkorn und auch nicht geringer als der Berg Kailash. Alles ist eins, und wir sind Teil davon. Trennung ist Illusion. »Ich«? Ach, du armseliger kleiner Spinner, auch dein Ich ist nur eine Illusion und sogar die Wurzel all der anderen Illusionen. Nichts ist separat, abgetrennt, eigen. Alles fließt und schwimmt im Großen, Ganzen: pantha rei. So passte meine basisdemokratische politische Gesinnung zur radikalen religiösen Mystik. Das eine ging nahtlos in das andere über.

»Auch in den

Religionen und

spirituellen

Bewegungen

der Welt gibt

es aufmüpfige

Gestalten, die sagen:

Wir sind doch alle

gleich!«

 

Warum aber feiern wir dann Feste? Warum sollte ich eine Stunde am Morgen meditieren, wo doch der ganze Tag das eigentliche Feld meines Bewusstseinstrainings ist? Warum sollte ich eine Frau mehr lieben als eine andere? Wie könnte ich meine Eltern oder Kinder als etwas Besonderes betrachten? Meine Heimat, meine Sprache, meine Eigentümlichkeiten? Das sind doch Hervorhebungen – Konstruktionen des Ego, der Illusion des Ich. Einbildung, Eitelkeit, Ignoranz ist die Ursache von allem Leiden, und die Quelle aller Ignoranz ist die Illusion des Ich. So habe ich es gelernt, und das ist auch meine Erfahrung, die mystische Erfahrung: In ihr wird alles eins, und alle Trennungen sind aufgehoben.

Erst die Suche, dann der Heimweg

Nun ja, das ist schon irgendwie richtig. Aber es gibt eben noch mehr als das zu wissen und zu erfahren. Mehr als die mystische Erfahrung? Ja, denn auch sie kommt und geht und ist Teil eines größeren Ganzen.

Die japanische Kunst hat für diese Integration der mystischen Erfahrung (auch »Erleuchtung« genannt) eine wunderschöne Bildfolge gefunden: Die zehn Büffelbilder. Der Büffel steht für die Erleuchtung. Erst suchst du sie, viele Jahre lang. Dann findest du sie, musst sie aber noch zähmen. Schließlich reitest du auf ihr (auf dem Büffel) heim auf den Markt, und alles ist beinahe wieder wie zuvor: Die Berge sind wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse. Alles ist wieder so wie früher – fast so.

Der erste Teil des Weges ist das Suchen. Dann kommt die Kehrtwende, die »Konversion«: Du kehrst um und bist von nun an auf dem Heimweg. Vorher wolltest du hinaus und die Welt entdecken, darunter auch dich selbst. Dann ist alles nur noch auf Heimat gepolt, Rückkehr, wieder nach Hause kommen, einkehren, normal werden, bescheiden sein.

Erst jetzt, da du dich fragst, wozu du überhaupt aufgebrochen bist und ob das alles nötig war, ist alles ganz. Du bist jetzt wieder ununterscheidbar, aber nichts in dir drängt, es anders haben zu wollen. Nun brauchst du das Boot nicht mehr, das dich über den Fluss gebracht hat. Nun darfst du auch aus der Trance aufwachen, dass dein Lehrer ein ganz besonderer Mensch ist.

 

Das »wahre Selbst«

Wer überhaupt ist ein guter Lehrer? Ist ein solcher »nach Hause gekommener« der ideale Lehrer? Oder brauchen wir eher Leute, die uns erstmal zur Mystik hinführen? Ich glaube, wir brauchen sie alle; nur die Heuchler brauchen wir nicht und vielleicht nicht einmal die Wasserverkäufer, die am Fluss stehen und dort das Wasser in Flaschen abfüllen und an die Durstigen verkaufen, weil sonst keiner merkt, dass es trinkbar ist.

Etwas, womit uns gerne etwas vorgemacht wird, ist das Märchen vom »wahren Selbst«. Darunter stellt sich der normale spirituelle Sucher ein irgendwie geadeltes, höheres Ich vor. Oft wird es auch »das höhere Selbst« genannt, gegenüber dem »niederen Selbst«. Es gibt aber kein Selbst. Jedes Selbst ist eine Illusion, eine Konstruktion, eine Luftblase, die jederzeit zerplatzen kann. Um diese Wahrheit nicht konfrontieren zu müssen, sprechen viele spirituelle Lehrer gerne von einem Selbst (das sei gut, sagen sie) gegenüber dem Ego (das sei schlecht) und gaukeln uns so eine Entwicklung vom Niederen zum Höheren vor, damit wir auf dem Weg der Verwirklichung keine Angst bekommen.

Vielleicht ist das pädagogisch sinnvoll. Angst ist ja kein guter Ratgeber. Wenn wir dann aber, spirituell geadelt, beim höheren Selbst angelangt sind, was dann? Dann kommt die Wahrheit, früher oder später, ja doch raus: Es gibt nicht nur kein Ego, sondern auch kein Selbst. Atman ist Brahman, sagen die Hindus; das Selbst ist Gott, der (oder das) Allumfassende. Wenn das Selbst alles ist, dann ist es aber auch nichts Bestimmtes; das heißt, wir brauchen nicht darüber zu sprechen, wir können es nicht einmal. Du bist Bewusstsein, und alles ist Bewusstsein? Ja, dann bist du nichts, denn nichts und alles, das ist für das Bewusstsein dasselbe.

 

Wie es mich überkam ...

Das Streben nach der Erleuchtung ist wie das Streben nach dem großen, dem spirituellen, ganzheitlichen, kosmischen Orgasmus. Du musst vorher »gearbeitet« haben. Woran? An dir selbst natürlich. Legionen Therapiewilliger und spiritueller Sucher arbeiten zur Zeit an sich selbst; »Arbeit« ist einer ihrer Lieblingsbegriffe. Aber dann, wenn du gearbeitet hast, wenn du getan hast, was du konntest, um dich körperlich und geistig zu befreien, dann kommt es gewaltig über dich: die große Gnade, die alles überwältigende Erfahrung, die Erleuchtung! Das Feuerwerk! Der Lohn nach all den Mühen eines langen spirituellen Lebens.

»Der große, ganz

große Orgasmus

entsteht ja auch nur

durch Hingabe, nicht

durch Rubbeln«

 

Auch die Erzählungen von »der Erleuchtung« haben es in sich. Nicht immer kommt Licht dabei vor, aber fast immer ist es ein großes Ereignis. Wichtig dabei: Es muss einen überkommen, man darf es nicht gemacht haben. Es ist eine Gnade. Der große, ganz große Orgasmus entsteht ja auch nur durch Hingabe, nicht durch Rubbeln.

Dass die Popularität dieser Klischees nicht unbedingt ihrem Wahrheitsgehalt entspricht, das predigen die Experten dieser Disziplin schon lange. Und doch, selbst wenn die Erleuchtung bloß die große Ent-täuschung, die Befreiung von (immerhin!) allen Illusionen sein soll, selbst dann lohnt es sich doch, darauf zu warten und zu hoffen oder danach zu streben. Was würde denn sonst noch Sinn machen in dieser Welt?

Zum Teufel mit ihnen?

Was soll ich davon halten, wenn Eli Jaxon Bear, einer der bekanntesten Satsanglehrer (das impliziert, nach deren Selbstverständnis, ein »Erleuchtetsein«) nach einer Sexaffäre mit einer Schülerin, die er vertuscht und über die er gelogen hatte, von seiner eigenen Organisation aller Ämter enthoben wird und dies in einer reuevollen Beichte seiner Missetat bestätigt? Oder wenn Sai Baba, der im Westen berühmteste indische Guru, seine spirituelle Macht benutzt, um minderjährige Jungs zu befummeln? Oder Tschögyam Trungpa, diese hohe, als erleuchtet geltende Autorität des tibetischen Buddhismus mit seinen Alkohol- und Sex-Exzessen, und noch schlimmer, das Verhalten seines Nachfolgers (als Dharma-Lehrer) Özel Tenzin?

Wenn es nicht das Wissen um die Zusammenhänge ist, die Gelassenheit und Weisheit, das Darüberstehen über Impulsen wie Gier und Wut, das einen Erleuchteten auszeichnet, wofür brauchen wir dann solche Autoritäten? Ist es vielleicht Zeit für eine spirituelle Revolution, in der das Ancien Regime der Priester und Pfarrer, Gurus und Schamanen, Bischöfe und Päpste, Imams und Rabbis, Rinpoches und Roshis und all der anderen Heiligen und Erleuchteten endlich zum Teufel gejagt wird? Ja, zum Teufel! Damit sie sich mit ihrem Widersacher konfrontieren und endlich ganz werden können. Wer seine Lektion nicht gelernt, seine Schattenarbeit nicht gründlich genug gemacht hat, muss zurück auf die Schulbank und nachsitzen. Der spirituelle Lehrer Arjuna ist gerade auf Deutschlandtour und ruft – mit sanfter Stimme, nicht so wie ich hier – zu einer solchen Revolution auf (siehe auch S. 50/51).

 

Die Inszenierung

Neulich sprach ich mit einer Satsanglehrerin darüber, wie man »es« am besten rüberbringt. Sie sagte: »Ich mag es, wenn die Leute mich für ganz normal halten und aus mir nicht etwas Besonderes machen. Aber manchmal, da ist mir das zu wenig. Da wird dann nur geplappert und die Zeit vertan; sie nehmen die Chance nicht wahr. Erst wenn sie mich respektieren – und sei es als >Erleuchtete<, sind sie offen, etwas Neues in ihr Leben zu lassen, eine eventuell hilfreiche, transformierende Botschaft.«

Ist die Erleuchtung

vielleicht

bloß eine große

Ent-täuschung,

die Befreiung von

(immerhin!) allen

Illusionen?

 

Sie hat recht: Der Normalzustand ist eine Trance. Im Idealfall gelingt es einem spirituellen Lehrer durch die Inszenierung seiner Botschaft oder auch seiner Person ein Aufwachen aus dieser Trance zu bewirken. Im Falle des Erfolges kann es uns doch egal sein, ob dies durch eine Inszenierung der Botschaft oder der Person gelungen ist.

Ich habe die immer ein bisschen bewundert, die sich als Erleuchtete geoutet haben. Die einen Unterscheid kreieren, wo eigentlich keiner ist. Dazu gehört erst mal Mut, und dann auch einige Beharrlichkeit, denn unsere Gesellschaft ist solch einem Outing gegenüber durchaus nicht wohlgesonnen. So was ist aber auch heikel, weil es zu Personenkult führt und die Botschaft dadurch wieder verschüttet werden kann. Als Regisseure unseres Lebensspiels können wir alle noch dazulernen, als Lehrer ebenso wie als Schüler; als Opfer in unseren Lebensdramen ebenso wie als Täter. Aber wer die Regie zu diesen Inszenierungen schon mal in die Hand nimmt, den bewundere ich.

Vergöttlicht oder verteufelt

Was mich betrifft: Ich mag es nicht, begafft zu werden. Immer wenn ich für erleuchtet gehalten wurde oder auch nur für sehr weise und einsichtig, trat so eine Starrheit in den Blick des jeweiligen Betrachters, und mir gruselte dabei immer ein bisschen. Ich empfinde das als Gaffen oder Glotzen: Da draußen ist etwas, das »ich nicht bin«. Dort ist ein Gott oder ein Teufel, ein Böser oder ein Guter, egal – die Vergöttlichung und die Verteufelung sind sich sehr ähnlich, und vor der Verteufelung habe ich Angst. Allzu oft werden Vergöttlichte verteufelt, sobald sie den Erwartungen der Faszinierten nicht mehr entsprechen. Faszination ist eine Trance. Auch Charisma ist nicht etwas, das »jemand hat«, sondern Eigenschaft einer Beziehung zwischen Betrachter und Betrachtetem. Niemand hat Charisma, niemand ist erleuchtet; es sei denn, du siehst es in ihr oder ihm.

Es ist so ähnlich wie mit der Schönheit; auch die gibt es nicht »an sich«, sondern sie spielt sich zwischen Betrachter und Betrachtetem ab. Erst die Verehrung macht das Objekt zur Schönheit. Erst die Bewunderung der Zuschauer macht aus einem Menschen einen Erleuchteten. Erleuchtung ist kein kosmisches Ereignis, sondern ein soziales. Das ist die Erkenntnis, die ich in den dreißig Jahren gewonnen habe, seit ich aus nächster Nähe mit Erleuchteten zu tun habe, sei es im Darshan, Satsang, Interview oder auch täglichen Zusammenleben, Kochen, Putzen und Abrechnen.

 

Meditation

Wer jetzt meint, ich hätte meine hohen Ziele aufgeben und nun nicht viel mehr als Spott für diese Szene übrig, täuscht sich. Ich bin ernüchtert und nicht mehr so leichtgläubig wie früher, aber dennoch optimistisch. Nach wie vor halte ich Einsicht, Erkenntnis, Hingabe, Liebe und Bewusstsein für das Höchste im Leben.

Wenn sie nicht

darüber stehen

über Impulsen wie

Gier und Wut,

wofür brauchen

wir dann solche

Autoritäten?

 

Dafür lohnt es sich, alles andere aufzugeben. Nur – der Begriff der Erleuchtung führt zu einer Art von Strebsamkeit, die eher hinderlich ist. Er ist dualistisch, er teilt die Menschen ein in die, die »es« haben und all die anderen, die Ignoranten. Die Tugend der Weisheit ist sanfter: Sie wächst allmählich, nicht abrupt. Jeder hat ein Bisschen davon in sich und kann dieses Bisschen fördern. Und wenn ein Weiser mal eine Dummheit begeht, wird er nicht gleich aller Ämter enthoben und fällt in Ungnade, so wie Eli Jaxon Bear. Da braucht man dann auch nicht so viel zu verstecken. Das unmenschliche Ideal der Erleuchtung führt zu Größenwahn und Heuchelei. 

Was mir bei alledem geblieben ist, das ist meine Liebe zur Meditation. Ich meditiere jeden Tag – nicht nur bei der Arbeit, beim Kochen und Liebemachen (so gut ich eben kann), sondern auch extra, auf einem Kissen sitzend, jeden Morgen. Ich brauche keine Erleuchtung, und ich lehre sie auch nicht (in meiner »Schule der Kommunikation«). Meditation genügt mir. Meditation berührt den Raum der Freiheit ganz sanft, ohne viel Aufhebens. Man setzt sich hin und ist still, ohne deswegen gleich eine Presseerklärung abgeben zu müssen.

»Ich bin erleuchtet« hingegen ist eine Identität und führt genauso zu Leiden wie jede andere Identität auch. Niemand Bestimmtes sein, an nichts hängen, das ist die Freiheit. Ich bin nicht erleuchtet, aber auch nicht dumm. Ich fühle mich aufgeklärt, ernüchtert und erleichtert, das reicht mir vorerst.

Ex oriente Erleuchtung

Die Liebhaber des Ostens (»Ex oriente lux«) können übrigens auch einiges vom Westen lernen: Der Gottesbegriff in der westlichen Theologie ist ähnlich vielschichtig wie der Begriff der Erleuchtung im Osten. Du sollst den Namen des Herrn deines Gottes nicht unnütz führen, heißt es hier (obwohl alle es tun). Vielleicht ist es aus demselben Grund nicht sinnvoll, ständig von der Erleuchtung zu schwafeln oder auch überhaupt nur zu glauben, sie mit Worten erfassen zu können. »Ich bin, der ich bin« soll Jahwe gesagt haben, der Gott des Alten Testaments. Das ähnelt einigen Erleuchtungserklärungen von weiter östlich Orientierten doch sehr. Theologie und Nirvanologie als ein einziges, kulturübergreifendes Fach? Damit könnte man sich einigen Streit sparen.

 

Genug davon

Auch von Osho, einem der bekanntesten Erleuchteten der letzten Jahrzehnte, heißt es, er habe ab und zu genug gehabt von diesem Kult. »Ich bin so erleichtert, dass ich jetzt nicht mehr so tun muss, als ob ich erleuchtet wäre«, soll er unter Vertrauten gesagt haben. Hugh Milne, einer seiner langjährigen Leibwächter, schreibt das in seinem Buch »Bhagwan, the God that failed«, das allerdings überwiegend eine böse Abrechnung mit der Zeit ist, die er mit seinem Meister verbrachte. Georg Feuerstein zitiert diese Aussage in seinem sehr lesenswerten Buch »Heilige Narren – über die Weisheit ungewöhnlicher Lehrer«. Aber wer weiß: Hugh (damals »Shiva«) kann sich verhört haben, oder Bhagwan/Osho hat bloß einen Witz gemacht. Bei solchen »Heiligen Narren« weiß man ja  nie.

 

Der Prophet im eigenen Lande

Ich weiß allerdings auch, dass der Prophet im eigenen Lande nicht gehört

wird. Viele spirituelle Lehrer haben ihr Heimatland verlassen, weil ihnen dort kein Respekt erwiesen wurde. Erst in der Ferne konnten sie lehren, denn in der Nähe, da sucht man die Weisheit nicht und auch nicht das Glück. Manche suchen sogar die Liebe lieber in der Ferne und sind dann enttäuscht, dass sie in ihrer Nähe keine vorfinden.

Auch ich will, dass man mir zuhört, und zwar möglichst ohne deshalb das Land wechseln zu müssen. Das ist das Faszinierende am Erleuchtetsein: Die Leute hören einem zu! Da setzt sich so einer auf die Bühne, alle sind still, versinken in meditative Verzückung, und wenn er dann den Mund aufmacht, lesen sie ihm jedes Wort von den Lippen. Für einen, der gehört werden will, ist das das Paradies.

 

»Die Welt als

Flachland? Nein,

danke. Der Dualismus

bringt doch immerhin

eine gewisse Spannung

in das von den Gleich-

machern planierte

Flachland«

 

Und auch der geschäftliche Aspekt ist nicht zu verachten. Für Erleuchtete arbeitet man, ohne dabei gleich die Hand aufzuhalten und zu fragen: Was krieg ich dafür? Für einen Erleuchteten zu arbeiten ist eine Ehre, ein »Ehrenamt« (indisch Sewa, eine Art Gottesdienst). Allein die Nähe zu so einem Menschen ist erhebend; das ist mit Geld gar nicht aufzuwiegen.

Also, wenn man das so betrachtet ... ich glaube, ich überleg mir das noch mal, ob ich wirklich weiterhin so gleichmacherisch und entlarvend sein will. Schließlich muss es auch Unterschiede geben – siehe oben. Die Welt als Flachland? Nein, danke. Der Dualismus bringt doch immerhin eine gewisse Spannung in das von den Gleichmachern planierte Flachland. Mann und Frau dasselbe? Nein, danke, ich bin doch nicht androgyn und außerdem ein großer Genießer der Unterschiede.

Jetzt fällt mir auch wieder ein, wie das damals war, in Indien, an der Straße nach Kolhapur, in jener Teebude, als plötzlich... Aber das erzähle ich ein andermal. An der Biografie muss ich noch ein bisschen feilen, sie sitzt noch nicht richtig. Eines aber weiß ich schon: Weil ja alles, was ist, von uns selbst kreiert wird, darf ich mir auch eine passende Erleuchtetenbiogafie zulegen. Also dann: bis zum nächsten Heft!

* * *

 

Wolf Schneider, Jg. 52, Studium der Naturwissenschaften und Philosophie in München, dann Asienreisen. Eine Biografie voller Aha-Erlebnisse. Seit 1985 Hrsg. von connection und als solcher ein intimer Kenner vieler Erleuchteter und mit einigen von ihnen gut befreundet.